Totenrituale – erste Kulturhandlungen

Trauer- und Totenrituale zählen zu den ersten Kulturhandlungen der Menschen. Um den Tod zu begreifen, die Verstorbenen in eine andere Welt zu entlassen und auch um selbst die Angst vor dem Tod zu verlieren, schufen unsere Vorfahren Gräber, Ritual- und Erinnerungsorte. Seit 25.000 Jahren, seit dem Paläolithikum, sind Grabstätten und Kultorte für die Verstorbenen ein Ausdruck unseres Menschseins. 

Rituale und damit verbundene Bilder und Symbole sollten in Zeiten des Wandels, der Verzweiflung und Ohnmacht helfen, das Unerklärliche einzuordnen und dem Verlust Sinn und Bedeutung zu geben. Sie sollten Antworten auf die Fragen geben: Wo sind die Toten nun? Warum sind sie gestorben? Was passiert nach dem eigenen Sterben mit mir?

In jeder Kultur gibt es Mythen und Geschichten, die die zentralen Lebensfragen wie Schöpfung und Tod versuchen zu beantworten. Die Rituale stellen die Verbindung zu den bestehenden Mythen, zu Todes- und Jenseits-Bildern her und geben Sinn und Ordnung.

Ebenso wie die Vorstellungen vom Tod haben sich in den verschiedenen Kulturen und Epochen auch die Rituale und Handlungen gewandelt, die in der Zeit des Abschieds und der Trauer durchgeführt werden.

Rituale als Anker in Zeiten des Wandels

Unterstützung beim Übergang

Der Tod als Übergang, als Weg ins Unbekannte galt seit jeher als eine bedeutsame Zeit. Sterben und Tod werden vielerorts als ritueller Prozess oder als „Passage“ betrachtet, die, so der französischen Ethnologe Arnold van Gennep, überall auf der Welt einer gleichen Struktur folgt: Trennung, Umwandlung und (Wieder)Angliederung.

In vielen Kulturen glaubten und glauben die Menschen an die Notwendigkeit, den Toten bei ihrer Wandlung beizustehen. Für den Weg in die andere Welt sind je nach Kultur Reisen, Wege oder Schritte nötig sowie zur Unterstützung der Toten Rituale, Fürbitten, Geleit, Votiv- und Grabbeigaben.

Die Rituale waren in erster Linie als Unterstützung für die Toten gedacht und weniger für die Zurückbleibenden. Die achtsame Sorge für die Toten und ihre Begleitung bewirkte aber auch, dass die Ängste der Hinterbliebenen vor dem Tod abgebaut wurden. Als ob die Angst vor dem Tod in Wechselbeziehung stünde zu der Angst, aus der Gemeinschaft herauszufallen. 

Handlungsrichtlinien

In einer Zeit des Übergangs, nach Trennung oder Tod, wenn die Alltagsordnung erschüttert ist, bieten Trauerrituale Abläufe und konkrete Handlungen, die dem Einzelnen und der Gemeinschaft Wegweiser durch das Chaos sind. Trauerrituale sind damit ein wichtiger Bestandteil in Zeiten des Wandels, des Übergangs und Umbruchs. Denn gerade in Krisenzeiten suchen Menschen nach Handlungsrichtlinien, nach Erklärungsmodellen und einem sicheren Rahmen. 

Der Schock und das Chaos, die der Verlust mit sich bringt, werden so aufgefangen; den Betroffenen wird geholfen, sich wieder ihren Aufgaben im Leben zuzuwenden. 

Rituale helfen, die Trauer zu durchleben und zu realisieren, dass etwas nicht mehr ist und es nie mehr so sein wird wie bisher. 

Klarer Ablauf und Orientierung

Ein Ritual ist eine zeremonielle, symbolische Handlung, die nach einem festgelegten Ablauf durchgeführt wird. Von einem Ritual spricht man, wenn eine Handlung zu einer bestimmten Zeit, zu einem bestimmten Ort mit einer bestimmten Absicht ausgeführt wird und die Handlungen und Symbole mit bestimmten Bedeutungen verbunden sind. Zeugen sind ein wichtiger Bestandteil von Ritualen. Die wohlwollende Betrachtung und Unterstützung anderer Personen helfen, die rituellen Handlungen durchzuführen und die alten und neuen Erfahrungen zu integrieren. Manchmal genügt eine symbolische Zeugenschaft, dies kann auch Baum oder eine Stein sein. 

Trauerrituale bieten damit Orientierung und eine strukturierte, sichere emotionale Umgebung, um das Chaos, das aus der Trauer erwachsen kann, zu ordnen. Die Toten und die Lebenden sollen ihren Frieden finden. Dazu sollen die Toten durch die Rituale unwiderruflich an ihrem neuen Ort ankommen und die Ordnung zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten wiederhergestellt werden. Auch die Erinnerung an das Leben der Verstorbenen wird bewusst gemacht und ihre Bedeutung für die Hinterbliebenen wird so bestätigt. 

Sicherheit

Trauerzeit ist Ausnahmezeit und kann mit Ängsten und emotionalem Durcheinander einhergehen. Die Trauer ist auch ein Schrei nach Verbindung, Kontakt und neuem Boden. Der Boden entsteht durch die Bereitschaft, den Tod zu akzeptieren, den Abschied und die Veränderungen anzuerkennen, sich erschüttern zu lassen und zu erinnern. Dieses Erleben löst auch Unsicherheit und Schmerz aus. Die Tendenz, dem auszuweichen, ist groß. Doch ist es im Interesse des Einzelnen und der Gemeinschaft, den Schmerz zu durchleben und dadurch zu transformieren. Und genau dabei helfen Rituale.

Gefühle durchleben

Die Rituale geben den Emotionen wie Verzweiflung und Wut, Hoffnungslosigkeit und Trauer über den ungewollten Abschied einen Rahmen. Sie helfen, die Emotionen zu durchleben und zu kontrollieren, und sie sind ein Ventil, diese auszudrücken. In Gesellschaften, in denen die Toten- und Trauerrituale fester Bestandteil waren, wie auf dem Balkan, und sie als natürlicher und notwendiger Prozess betrachtet wurden, war das temporäre Chaos, das der Tod mit sich brachte, nicht nur erlaubt, sondern wurde erwartet und positiv für den Einzelnen und die Gemeinschaft bewertet. Denn nicht ausgedrückte, nicht gelebte Trauer macht die Einzelnen zu einer unberechenbaren Gefahr für die Gemeinschaft, während das gemeinsame Trauererleben Verbindung und Vertrauen zwischen den Mitgliedern schafft. 

Trauerzeiten und Verbote

Oft enthalten Trauerrituale klare Anweisungen und Verbote.  So wird die „Reise“ der Toten bis zu ihrem endgültigen Ankommen im Totenreich durch eine bestimmte Anzahl an Tagen hindurch beschrieben; diese Reise ist in den verschiedenen Kulturen durchaus ähnlich. In der Vorstellung, dass die Toten ihren Weg absolvieren und verschiedene Phasen durchlaufen, die Tage bis Jahre dauern können, leisten die Trauernden bei entsprechenden Toten- und Gedenkritualen parallel ihre Traueraufgaben und lernen, die Toten gehen zu lassen, bis alle Ruhe und Frieden finden.

Schützender Rahmen für die Trauer

Die Beteiligten schaffen mit dem Ritual einen schützenden Rahmen, der ihnen ermöglicht, ihre Trauer zu durchleben, ohne über mögliche Handlungs- und Verhaltensmuster nachdenken zu müssen. Mit konkreten und kulturell geprägten Verhaltensweisen, Worten, Gesten und Symbolen können die Trauernden ihre Hilflosigkeit zumindest in Form einer äußeren Handlung überwinden. In vielen Kulturen wurde auch festgelegt, wie lange die Trauer sein sollte. Nach der meist einjährigen Trauerzeit folgte die Aufforderung, wieder ins Leben zurückzukehren, oder beispielsweise die ausdrückliche Erlaubnis, wieder zu heiraten. Die schwarze Trauerkleidung diente dem Schutz der Trauernden und drückte ihre Befindlichkeit aus: „Er/ Sie trauert.“ Das schrittweise Ablegen der Trauerkleidung diente auch der Kommunikation zwischen Trauernden und Gemeinschaft. Wenn auch nicht immer ganz zwanglos, so war dies ein äußerliches Zeichen für die Ausnahmesituation und die sukzessive Rückkehr eines Menschen in die Gemeinschaft. Dennoch, manche blieben – freiwillig oder als Witwe stigmatisiert – auf immer in der trauernden Außenseiterrolle.

Sinn und Symbole

Indem Menschen in einer Krisensituation gemeinsam für sie bedeutungsvolle und mit einer klaren Absicht verbundene, standardisierte Rituale ausüben, verbinden sie sich mit Handlungen und Vorstellungen, die von ihrer Kultur, Religion, Gesellschaft oder Gemeinschaft anerkannt werden. Meist wird diese Handlung durch Objekte wie Erinnerungsstücke und andere Gegenstände und Symbole unterstützt, denen eine bestimmte Bedeutung zugewiesen ist. Die Vorstellung einer höheren, Sinn gebenden Instanz hilft zu begreifen und das Ereignis in das Welt-Gefüge einzuordnen. Verbunden mit einem konkreten Handlungsablauf wird das erst Unbegreifliche fassbar. 

Oft enthalten die Trauerrituale auch Formen, die abschließend mit dem Verstorbenen in Interaktion treten lassen. Dies alles mildert die Angst vor der Vergänglichkeit und stärkt die Einzelnen und die Gemeinschaft.

Quelle: Trauern in Gemeinschaft